Archiv für das Themengebiet 'Leben.'

Erziehungssache.

Ein Beitrag zum Themengebiet Leben., geschrieben am 25. April 2019 von Thomas Lasser

In jeder Situation mit Engelszungen auf sein Kind einzugehen ist nicht immer leicht. Auch mir verschlägt es da schon mal die Sprache.

Dass unsere Kinder schon seit Jahren ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung haben, gehört zu den lobenswerten Verdiensten unserer Politik. Dennoch wünschen sich Eltern manchmal heimlich frühere Zeiten zurück. Und damit Methoden, mit denen man seiner erwachsenen Sicht auf die Dinge den Kleinen gegenüber etwas Nachdruck verlieh. Derart ruppigen Maßnahmen führten aber oft dazu, dass die Eltern im Alter in finstere Heime abgeschoben wurden und man sie nicht einmal mehr am Geburtstag besucht. Kurzfristig war diesem handfesten Erziehungsstil allerdings Erfolg beschieden: Das Zimmer war aufgeräumt, das Outfit komplett und die Haare gewaschen. Das muss man einfach so sagen.

Tanja und ich haben uns bei Theo von Anfang an der »Alles-Wird-Schon-Irgendwie-Gut-Werden«-Methode verschrieben. Speziell mir war es wichtig, den Jungen schon früh möglichst erwachsen zu behandeln. Also habe ich mit ihm immer wie mit einem vollwertigen Familienmitglied in vollständigen Sätzen und in normaler Tonlage geredet. Das war ich mir irgendwie selber schuldig, selbst wenn man in den ersten zwei Lebensjahren statt verständlicher Antworten nur merkwürdiges Geplapper bekam.

Mit steigendem Alter kamen dann die Gespräche in Gang. Ich weiß noch genau, wie glücklich ich war, als Theo zum ersten Mal »ich« in einem Satz verwand. Toll, dachte ich, jetzt hat er sich als eigenständige Persönlichkeit begriffen. Das aus »ich« dann aber auch sehr schnell »ich will« wurde, geschenkt. Man selbst will ja auch ständig was. Also besprachen wir jeden Wunsch, rangen um jedes Zugeständnis und fügten uns manchmal auch kraftlos seiner Ausdauer.

Natürlich gibt es auch Fälle, da bleiben wir gnadenlos hart. Ein Cartoon, nachdem schon drei gerade liefen? Auf gar keinen Fall. Ein Eis, obwohl die Schokolade im Gesicht noch flächig verschmiert ist? Ist mit uns nicht zu machen. In solchen Fällen holt Theo dann ab und zu seine verbale Keule raus. »Du. Bist. Blöd!« Und mir, mir fällt dazu dann gar nichts mehr ein. Blöd.

(Dieser Text ist inspiriert von meiner Kolumne in »Lebe«, dem Mitgliedermagazin von Spar + Bau Hannover.) 

»Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann.«

Ein Beitrag zum Themengebiet Anmerken., Erinnern., Leben., geschrieben am 24. Dezember 2018 von Thomas Lasser

1897 schrieb eine achtjährige der Zeitung New York Sun. Ihr Anliegen war so dringend, dass der Chefredakteur persönlich den Kolumnisten Francis P. Church beauftragte, eine Antwort zu entwerfen – für die Titelseite. Der Text wurde so berühmt, dass er Jahr für Jahr aufs Neue erscheint.

„Ich bin  acht Jahre alt. Einige meiner Freunde sagen, es gibt keinen Weihnachtsmann. Papa sagt, was in der Sun steht, ist immer wahr. Bitte sagen Sie mir: Gibt es einen Weihnachtsmann?“ Virginia O´Hanlon 

„Virginia, Deine kleinen Freunde haben nicht recht. Sie sind angekränkelt vom Skeptizismus eines skeptischen Zeitalters. Sie glauben nur, was sie sehen: Sie glauben, dass es nicht geben kann, was sie mit ihrem kleinen Geist nicht erfassen können. Aller Menschengeist ist klein, Virginia, ob er nun einem Erwachsenen oder einem Kind gehört. Im Weltall verliert er sich wie ein winziges Insekt. Solcher Ameisenverstand reicht nicht aus, die ganze Wahrheit zu erfassen und zu begreifen.

Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Es gibt ihn so gewiss wie Liebe und die Großzügigkeit und die Treue. Und Du weißt ja, dass es all das gibt, und deshalb kann unser Leben schön und heizer sein. Wie dunkel wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe! Sie wäre so dunkel, als gäbe es keine Virginia. Es gäbe keinen Glauben, keine Poesie – gar nichts, was das Leben erst erträglich macht. Ein Flackerrest an sichtbarem Schönen bliebe übrig. Aber das ewige Licht der Kindheit, das die Welt erfüllt, müsste verlöschen.

Es gibt einen Weihnachtsmann, sonst könntest Du auch den Märchen nicht glauben. Gewiss, Du könntest Deinen Papa bitten, er solle an Heiligabend Leute ausschicken, den Weihnachtsmann zu fangen. Und keiner von ihnen bekäme den Weihnachtsmann zu Gesicht – was würde das beweisen? Kein Mensch sieht ihn einfach so. Das beweist gar nichts. Die wichtigsten Dinge bleiben meistens Kindern und Erwachsenen unsichtbar. Die Elfen zum Beispiel, wenn sie auf Mondwiesen tanzen. Trotzdem gibt es sie. All die Wunder zu denken – geschweige denn zu sehen -, das vermag nicht der Klügste auf der Welt.

Was Du auch siehst, Du siehst nie alles. Du kannst ein Kaleidoskop aufbrechen und nach den schönen Farbfiguren suchen. Du wirst einige bunte Scherben finden, nichts weiter. Warum? Weil es einen Schleier gibt, der die wahre Welt verhüllt., einen Schleier, den nicht einmal die größte Gewalt der Welt zerreißen kann. Nur Glaube und Poesie und Liebe können ihn lüften. Dann werden die Schönheit und Herrlichkeit dahinter auf einmal zu erkennen sein. „Ist das auch wahr?“, kannst Du fragen. Virginia, nichts auf der ganzen Welt ist wahrer und nichts beständiger. Der Weihnachtsmann lebt, und ewig wird er leben. Sogar in zehnmal zehntausend Jahren wird er da sein, um Kinder wie Dich und jedes offene Herz mit Freude zu erfüllen.“

Frohe Weihnacht, Virginia! Dein Francis Chrurch

Schwamm drüber …

Ein Beitrag zum Themengebiet Leben., geschrieben am 23. November 2018 von Thomas Lasser

Der Wunsch, Wasser zu sparen kann einem die Laune verderben, auch dem, dem dabei nicht nur die Fische am Herzen liegen

Um gravierende Missverständnisse gleich zu vermeiden: Ich liebe meine Frau und schätze sie über alle Maßen. Trotzdem liegen zwischen der Art der Sozialisierung, wie wir sie bevor wir uns kennenlernten über Jahre erfahren haben, manchmal Welten. Dass am Ende des Tages wieder alles passt, ist klar, aber davor kann ich es oft nicht vermeiden nur mit dem Kopf zu schütteln.

Banales Beispiel: duschen. Ich bin ein Kind von passionierten Energiesparern. Seit ich denken kann drehe ich daher das Wasser beim Einseifen und Haare waschen ab. Der ganze Vorgang dauert überhaupt nur drei Minuten, vielleicht mal vier. Meine Frau hingegen ist Halbmarathonduscherin. Unter 21 Minuten Starkregen geht da nichts. Sie duscht so lange und so heiß, dass ich denke, sie könnte sich irgendwann auflösen und im Abfluss verschwinden. Das Thermometer im Bad steigt dann gern auf 28 Grad, die Luftfeuchtigkeit auf gefühlte 130%. Schlecht, wenn man wie wir, eine innenliegende Wellness Oase hat, kein Fenster öffnen kann und danach noch selbst ins Bad muss. Der Kreislaufkollaps ist da bei mir schon vorprogrammiert.

Oder auch: Geschirr spülen. Ich habe gelernt, den Geschirrspüler von hinten nach vorn und natürlich so einzuräumen, dass die maximale Menge an Tassen, Tellern und Gläsern hineingeht. Nicht so meine Frau. Es ist beindruckend wie konsequent sie es schafft jegliches Spülgut sofort hinter der Klappe einzusortieren. Und es bereitet mir geradezu Schmerzen, mitansehen zu müssen, wie dann ein halbvolles Gerät mit höchster Temperatur über zwei Stunden läuft. Eco-Programm? Natürlich nicht. Weil ja so weder meine Weingläser noch die Eingeweide der stählernden Haushalthilfe sauber werden.

In einem Punkt sind wir uns jedoch immer einig: Der Umweltschutz liegt uns wirklich am Herzen. Meine Frau fährt so oft Fahrrad, wie es geht und hofft, so ihr Öko-Karma ins Gleichgewicht zu bringen. Ich trenne so viel Müll, wie noch zu ertragen ist, fahre dafür sicher einmal zu viel mit dem Auto zum Bäcker. Irgendwas ist ja immer. 

(Dieser Text erschien Ende September 2018 in »Lebe«, dem Mitgliedermagazin von Spar + Bau Hannover.)

Vorfreude XX … S.

Ein Beitrag zum Themengebiet Leben., geschrieben am 23. August 2018 von Thomas Lasser

Einmal im Jahr hat jeder Geburtstag. Leider auch ein Kind. Was Ältere kaum noch aus der Fassung bringt, raubt den Kleinen jedoch regelmäßig den Verstand 

Ich habe schon im Kindergarten gelernt, dass man Sätze nicht mit ich beginnt. Also: Ich habe im Mai Geburtstag! Ein toller Monat, um an diesem Tag unter freiem Himmel darauf anzustoßen oder mittags auf einer Terrasse am See zu lunchen. Zwei Dinge, auf die ich mich, wenn mein Geburtstag naht, zugegebener Maßen, besonders freue.

Mein Sohn, geboren Anfang Juli, ist hinsichtlich der Jahreszeit noch besser dran. Ich kann mich nicht erinnern, dass das Wetter an seinem Geburtstag mal schlecht war. Super um draußen im Garten zu feiern oder in den Zoo zu gehen. Wer jetzt aber glaubt, Theos Geburtstag beginnt mit der Planung seiner Party und der Frage, welcher seiner Buddies feiert in diesem Jahr mit, der irrt. Und zwar gewaltig.

Kaum ist Weihnachten vergangen, also kurz vor Silvester, geht es nämlich los. »Papa, weißt Du, was ich mir zum Geburtstag wünsche …?« Entgeistert blicke ich vom Einkaufszettel für den bevorstehenden Jahreswechsel auf. Meist wedelt er dabei mit einem Spielzeugkatalog oder einem dieser Fanmagazine und tänzelt nervös von einem Bein aufs andere. So sieht sie also aus, die reine, kindliche Vorfreude!

»Guck mal, hier, das Piratenschiff, wenn ich das bekomme, will ich niiieee mehr andere Geschenke haben.« Ich nicke. Ob sich Theo der Tragweite dieses Wunsches bewusst ist? Man soll Kinder ja schon früh ernst nehmen und das habe ich auch schon immer gemacht. »Oder hier, die Bergstation zu der Feuerwache, die ich schon habe … ohne die macht das ganze Feuerwehrspielzeug gar keinen Sinn!« Toll, dann können wir es ja verschenken, denke ich. Dann klingelt es an der Haustür, Theo flitzt hin. Draußen steht sein Kumpel Maxi, stolz wie Oskar auf seinen nagelneuen ferngesteuerten Monstertruck. »Boa, ey, Papa, kommste mal …?« Und bis Juli ist es noch lange hin.

(Dieser Text erschien Ende Juni 2018 in »Lebe«, dem Mitgliedermagazin von Spar + Bau Hannover.)

Die Stoffe, aus denen meine Albträume sind.

Ein Beitrag zum Themengebiet Anmerken., Leben., geschrieben am 9. Juli 2018 von Thomas Lasser

In wirklich jedem Jahr, also 2018 schon im April, wenn das Thermometer signalisiert »Der Sommer ist da!«, kann man in Deutschland beobachten, wie die Menschen all ihre Hemmungen verlieren und ihre Klamotten gleich mit. Was man dann zu sehen bekommt, ist … sagen wir mal … selten schön. Derweilen ein Italiener wahrscheinlich nie ungestylt zur Müllbox geht, geht ein Deutscher im Jogginganzug ins Restaurant. Unter der Überschrift »Schlabberland« hat Tanja Rest in der Süddeutschen Zeitung am Wochenende einen Text veröffentlich, der mir aus der Seele spricht. Den vollständigen Artikel kann man auch online nachlesen. (Ganz bewusst bebildere ich diesen Post … nicht.)

»Juli 2018, eine Stunde auf der Münchner Leopoldstraße. Früher Abend, 22 Grad. Die Menschen sind in den unterschiedlichsten Lebensumständen unterwegs, vom Büro nach Hause, beim späten Shoppen oder schon in die Bars und Restaurants. Der Standort ist wohlwollend gewählt, da a) nicht Berlin und b) Schwabing, mit seiner Tradition des Schaulaufens. Man hat sich dennoch darauf eingestellt, dass die Lage ernst sein würde. Die Wahrheit ist aber, sie ist hoffnungslos.

Neben den Turnschuh-, Flipflop- und Segeltuchschläppchenträgern liegt die Quote der Lederbeschuhten bei unter 30 Prozent. Bei den Hosen sind neben schlecht sitzenden, weil fast durch die Bank zu engen Jeans vor allem Cargo-Shorts, Track Pants, Dreiviertelhosen mit Tunnelzug und Leggings unterwegs, die man früher im Bett und vielleicht noch zum Bauch-Beine-Po-Kurs angezogen hätte; insgesamt Stretch und Elastan, wohin man blickt. Die Oberteile: T-Shirts, Tank Tops, Hoodies. In erstaunlichen Farben und Mustern und so heillos verzogen, dass auch Bügeln nicht mehr helfen würde (davon abgesehen, dass offenbar keiner mehr bügelt). Von gerade mal 19 Anzügen sitzen vier, über Passform und Qualität der Hemden legen wir den Mantel des Schweigens.

Das Verrückte ist: Jeder, der sich morgens beim Anziehen ein klein wenig Mühe gegeben hat, sticht aus der daherlotternden Masse mühelos heraus. Eine hübsche Brosche, eine liebevoll ausgewählte Bluse, ein ordentlich geschnittenes Sakko oder ein Rock mit interessantem Faltenwurf – mehr braucht es dafür nicht. Ansonsten ist festzuhalten, dass der Stoff im Sommer 2018 sich entweder um den Körper der Deutschen herumdehnt oder ihn zeltartig umflattert und dass sich zwischen dem Körper und der Straße Hartschaumstoffpolster befinden.«

Spielzeugtag.

Ein Beitrag zum Themengebiet Leben., geschrieben am 23. April 2018 von Thomas Lasser

Ein neues Projekt, ein neues Format! Mein Alter Ego Tom Nädler schreibt ab sofort und in jeder Ausgabe des Mitgliedermagazins Lebe! von spar + bau hannover eine Kolumne mit dem Titel Familienbande. Über all das, was man so erleben kann, wenn man mit Frau und Kind unter einem Dach sein gemeinsames Leben führt. Viel Spaß beim Lesen!

Alle Eltern eines Kindergartenkindes kennen das allmorgendliche Spiel: Bis die Kleinen einen an der Tür der Einrichtung endlich rausgeschmissen haben, ist das frische Bürooutfit schon wieder reif für die Wäsche. Mit glänzendem Gesicht wirft man sich ins Auto um danach den eigentlichen Herausforderungen des Tages zu begegnen.

Theo ist knapp fünf und ich würde mal sagen … ein Freigeist. Er hasst es in den Kindergarten zu gehen, will am Nachmittag aber nie weg. Der Morgen wird da oft zum Kampf, außer am Freitag, da ist Spielzeugtag und er darf ein Teil, dass er mit einer Hand tragen kann und das keinen Lärm macht, mitbringen. Was das ist, wird normaler Weise schon am Donnerstag angeregt diskutiert und noch nie ging das Thema im allgemeinen Familientrubel unter. Bis zur letzten Woche.

Die Tür des Kindergartens ist kaum ins Schloss gefallen, da ist klar: Wir haben ein Problem. Wir haben ein Spielzeug vergessen. Theo, sonst eher der Typ »Große Klappe«, sagt erst mal nix und sagt dann »Kannst Du Mama anrufen, sie soll den Hubschrauber bringen?« Ich verweigere mich innerlich sofort, denn das muss ja auch mal ohne gehen, weiß aber, dass er weiß, dass man sich heutzutage immer überall erreichen kann.

Doch Mama geht nicht ans Telefon. Hin- und hergerissen sitze ich im Auto, verfluche den Tag, an dem ich mich fürs Vaterwerden entschieden habe und fahre wieder nach Hause. Zehn Minuten später stehe ich mit dem Hubschrauber im Kindergarten, suche meinen Sohn und finde ihn beim Spiel mit einer Feuerwehr. Mit großen Augen schaut er mich ungläubig an. »Was willst`n Du hier?«, fragt er. »Äh, der Hubschrauber …?«, stammele ich. Er wendet sich ab, winkt ab und löst den Feueralarm in der Spielzeugwache aus. Tatütata.

Meinung in Zeiten von Fakes und Likes.

Ein Beitrag zum Themengebiet Anmerken., Leben., geschrieben am 21. März 2018 von Thomas Lasser

Was ich an Magazinen, Zeitungen und dem Internet besonders mag, ist die ja geradezu uneingeschränkte Möglichkeit, sich immer über alle möglichen Themen informieren zu können. Ich mache das sehr gerne und erweitere dadurch meinen Horizont, wenn ich mir sicher bin, dass die Quelle etwas taugt. Bei Blogs und Social Media ist das aber hin und wieder so eine Sache, weiß man doch nie, wer den Kanal betreibt bzw. befeuert. Im Blog der Agentur habe ich mir daher sehr gerne das Resort Meinung gegriffen. Und vor ein paar Tagen mal einen Text über meine Meinung über Meinung geschrieben.

(Foto von unsplash.com)

»L. A. Crash« ein Film von Paul Haggis.

Ein Beitrag zum Themengebiet Leben., geschrieben am 12. Dezember 2017 von Thomas Lasser

It’s the sense of touch. In any real city, you walk, you know? You brush past people, people bump into you. In L.A., nobody touches you. We’re always behind this metal and glass. I think we miss that touch so much, that we crash into each other, just so we can feel something.

(Don Cheadle als Detective Graham Waters, Text der ersten Szene des Films aus dem Jahr 2004)

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Speisekarten: Tagesempfehlung – Flambierter Lesestoff.

Ein Beitrag zum Themengebiet Essen., Leben., geschrieben am 21. November 2017 von Thomas Lasser

Was sagt die Karte eines Restaurants schon vor dem Essen über seine Küche aus? In jedem Fall: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

In einem meiner früheren Leben lief ein normales Jahr ungefähr so: Januar, furchtbar, wohin mit dem Neujahrsblues und diesen unsinnigen Vorsätzen fürs Neue Jahr? Natürlich nach Paris, morgens erste Maschine hin, abends letzte zurück. Dazwischen Frühstück bei „Bofinger“ und Mittagessen bis zum späten Nachmittag im „Lucas Carton“, drei Micheln-Sterne, und so ziemlich das beste Restaurant, das ich je besucht habe. April, die erste Frühlingssonne, was fängt bloß man damit an? Sofort ins Auto, hoch nach Hamburg, ab ins „Louis C. Jacob“ und auf die Lindenterrasse des Hotels, ein wenig Champagner in der Sonne und das kleine Mittagsmenü. So flog das Jahr kulinarisch an mir vorbei und endete im Dezember zumeist mit der kleinsten Weihnachtsfeier der Welt mit nur einem Gast. Mit mir. Das konnte mal in Hannover in der „Insel“ oder mal in München im „Tantris“ sein.

Ein Teil dieses wirklich großen Spaßes war auch immer der Genuss der Speisekarten, das Studium jeder Position und das Wählen der einzelnen Gänge. Hat mir eine Karte besonders gut gefallen, habe ich sie nicht geklaut, sondern sie mir vom Küchenchef signieren lassen und mir gerahmt Zuhause in der Küche an die Wand gehängt. Nach ein paar Jahren tapeziert man da garantiert nicht mehr. Mittlerweile lebe nicht mehr in meiner Singlewohnung, bin Teil eines Drei-Personen-Haushalt inklusive privater Altersvorsorge und die ganzen Speisekarten stehen dank meiner Frau ohne Rahmen im Keller. Ein paar davon auf einem Tisch hinter Weinflaschen und neben ausrangierter Unterhaltungselektronik. Der Rest wurde hinter Weingläsern und Pasta versteckt.

Was aber geblieben ist, ist der Spaß an Speisekarten, die ich immer erst im Restaurant lese und natürlich nicht schon vorher online. Das gehört für mich zum essen gehen dazu wie der Aperitif dabei. In Hannover ist das mal ein großes Vergnügen. Aber auch mal keins, weil die Speisekarte Mist oder sogar ein Mythos ist.

Denn im „Ristorante Roma“ könnte man glauben, dass es sie gar nicht gibt. In den gut 30 Jahren, die ich da jetzt hingehe, hatte ich die Karte, glaube ich, mal in der Hand, aber es ist üblich, dass der Chef mir sagt, was die Küche aktuell zu bieten hat. „Alles da“ heißt, dass es heute alles gibt, was ich gerne esse. Tutto bene!

Das Gegenteil von keine Karte ist hingegen eine Karte und die ist dann gleich 15 Quadratmeter groß. Um Frische und Handwerk zu signalisieren gibt es in immer mehr Restaurants, gerne in der Systemgastronomie, wie früher in der Schule Tafeln. Auf die wird das Angebot so geschrieben, als würde es täglich wechseln, was aber gar nicht stimmt. Niedliche Illustration von Tomaten, Käseecken, Salatblättern und Salz- und Pefferstreuern täuschen frische Zutaten vor, die man in den meisten dieser Küchen aber eher selten sieht.

Wem eine Karte nicht reicht, der sollte mal in „Cafe Extrablatt“ gehen und sich anschauen, wie viele zusätzliche Flyer man in eine Speisekarte packen kann. Die Druckerei freut sich, der Gast ist genervt. Und dieses Design … Passt überhaupt nicht zum Ambiente, was, dass muss ich schon sagen, speziell in den neuen Läden echt einladend ist. „Pindopp Reloaded“ am Altenbekener Damm ist wirklich gelungen. Auch wenn mir jeder waschechte Südstädter, für den das „Pindopp“ so eine Art zweites Wohnzimmer in seinem Stadtteil war, dafür wahrscheinlich den Hals umdreht.

Der 2nd Place vieler anderer Hannoveraner ist seit Generationen das „Café Kröpcke“, seit 40 Jahren nun „Mövenpick“. Ich kenne kein Haus, in dem an jedem Tag gefühlt 3.000 Gäste bewirtet werden und in dem dabei so viel Wert auf Qualität und Frische gelegt wird. Das Mövenpick pflegt außerdem noch die schöne Tradition der Saisonkarte. Jeder Jahreszeit wird pünktlich zum Start ins Quartal eine neue Speisekarte gewidmet. Klar, es gibt Klassiker, aber auch in jedem Jahr neue Impulse mit Produkten ausgesuchter deutscher Erzeuger. Und zwar so beschrieben, dass der Gast weiß, was er bestellt und was danach in der Küche auf den Teller kommt.

Ich erwähne das auch deshalb, weil sich seit Jahren eine Art Speisekarten zu schreiben durchsetzt, die mehr Fragen aufwirft, als eine klare Vorstellung zu vermitteln. Diese Restaurants sind durchweg jung und ambitioniert, ihr Küchenstil meist klar und aromatisch, nur lesen sich deren Karten nicht so. Beispiele? Bitte sehr. Paprika, Deisterspeck, Fenchel, Hibiskus. Anderer Gang: Steinpilz. Zwiebel, Kirsche, Brunnenkresse. Zwei typische Positionen auf der Karte von Tony Hohlfeld im „Jante“. Oder: Fjordforelle, Sauerkraut, Brot. Nächste Position: Spanferkel, Polenta, Tomate. Zwei im Herbst aktuelle Gerichte auf der Karte in Thomas Wohlfelds „Handwerk“. Da wird schon mal für Gesprächsstoff gesorgt. Der vielen Paaren in Restaurants ja oft völlig fehlt. In ihrem Namen sag ich mal: Danke, Tony! Danke, Thomas!

Gute_Karten

Für immer und ewig … Aretha!

Ein Beitrag zum Themengebiet Hören., Leben., geschrieben am 26. Oktober 2017 von Thomas Lasser

Als Dionne Warwick im Oktober 1967 »I Say a Little Prayer« als Single rausbrachte, stieg der Song, geschrieben von Burt Bacharach und Hal David, bis auf Platz vier in den U.S.-Charts. Nur knapp ein halbes Jahr später, und damit heute undenkbar, ging Aretha Franklin ins Studio und nahm eine Coverversion davon auf, die mein Song für die Ewigkeit wurde. Diese Interpretation mit dem treibenden Pianointro von Clayton Ivey und ihrem einfühlsamen und signifikanten Timbre erschien im Frühjahr 1968 und war in den Charts nicht ganz so erfolgreich wie die »Ur-Version«, ist dafür aber heute ein echter Klassiker. Mich packte der Song irgendwann in den späten 70er-Jahren und hat mich danach nie wieder losgelassen.

Ich erinnere mich an endlose Nachmittage vor dem Radiorekorder in meinem Kinderzimmer in Hannover-Bothfeld, wo ich »I Say a Little Prayer« auf einer Seite einer »C90« Musikkassette (!) ungefähr fünfzehn Mal hintereinander kopierte um mir das ewige Spulen zu ersparen. Verbinde mit der wundervollen ersten Textzeile »The moment I wake up …« den Jahrhundertsommer 2003 mit langen Roadstertouren durch die ganze Region und endlosen Sommernächten auf der Dachterrasse mit Sauvignon Blanc. Und als ich für eine Weihnachtsfeier 2015 eine Playlist mit meinen zehn besten Songs aller Zeiten zusammenstellen sollte, musste ich zumindest über die Nr. 1 nicht lange nachdenken. Der Rest war aber echte harte Arbeit.

In diesem Lied kommt alles zusammen, was zu einem großen Song gehört. Zwei der besten Komponisten aller Zeiten, erst recht in den 60er-Jahren. Die vom Magazin »Rolling Stone« zur »Besten Sängerin« gekürte Aretha Franklin. Eine unüberhörbar dichte Atmosphäre im Studio mit exzellenten Musikern und den Background-Sängerinnen der »Sweet Inspirations«. Ich freue mich schon heute auf den Tag, an dem mein Sohn dieses Lied entdeckt. Vielleicht fesselt ihn der Soul, das Tempo und der Text auch so wie vor fast 40 Jahren mich.