Archiv für das Themengebiet 'Essen.'

Speisekarten: Tagesempfehlung – Flambierter Lesestoff.

Ein Beitrag zum Themengebiet Essen., Leben., geschrieben am 21. November 2017 von Thomas.

Was sagt die Karte eines Restauarnts schon vor dem Essen über seine Küche aus? In jedem Fall: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

In einem meiner früheren Leben lief ein normales Jahr ungefähr so: Januar, furchtbar, wohin mit dem Neujahrsblues und diesen unsinnigen Vorsätzen fürs Neue Jahr? Natürlich nach Paris, morgens erste Maschine hin, abends letzte zurück. Dazwischen Frühstück bei „Bofinger“ und Mittagessen bis zum späten Nachmittag im „Lucas Carton“, drei Micheln-Sterne, und so ziemlich das beste Restaurant, das ich je besucht habe. April, die erste Frühlingssonne, was fängt bloß man damit an? Sofort ins Auto, hoch nach Hamburg, ab ins „Louis C. Jacob“ und auf die Lindenterrasse des Hotels, ein wenig Champagner in der Sonne und das kleine Mittagsmenü. So flog das Jahr kulinarisch an mir vorbei und endete im Dezember zumeist mit der kleinsten Weihnachtsfeier der Welt mit nur einem Gast. Mit mir. Das konnte mal in Hannover in der „Insel“ oder mal in München im „Tantris“ sein.

Ein Teil dieses wirklich großen Spaßes war auch immer der Genuss der Speisekarten, das Studium jeder Position und das Wählen der einzelnen Gänge. Hat mir eine Karte besonders gut gefallen, habe ich sie nicht geklaut, sondern sie mir vom Küchenchef signieren lassen und mir gerahmt Zuhause in der Küche an die Wand gehängt. Nach ein paar Jahren tapeziert man da garantiert nicht mehr. Mittlerweile lebe nicht mehr in meiner Singlewohnung, bin Teil eines Drei-Personen-Haushalt inklusive privater Altersvorsorge und die ganzen Speisekarten stehen dank meiner Frau ohne Rahmen im Keller. Ein paar davon auf einem Tisch hinter Weinflaschen und neben ausrangierter Unterhaltungselektronik. Der Rest wurde hinter Weingläsern und Pasta versteckt.

Was aber geblieben ist, ist der Spaß an Speisekarten, die ich immer erst im Restaurant lese und natürlich nicht schon vorher online. Das gehört für mich zum essen gehen dazu wie der Aperitif dabei. In Hannover ist das mal ein großes Vergnügen. Aber auch mal keins, weil die Speisekarte Mist oder sogar ein Mythos ist.

Denn im „Ristorante Roma“ könnte man glauben, dass es sie gar nicht gibt. In den gut 30 Jahren, die ich da jetzt hingehe, hatte ich die Karte, glaube ich, mal in der Hand, aber es ist üblich, dass der Chef mir sagt, was die Küche aktuell zu bieten hat. „Alles da“ heißt, dass es heute alles gibt, was ich gerne esse. Tutto bene!

Das Gegenteil von keine Karte ist hingegen eine Karte und die ist dann gleich 15 Quadratmeter groß. Um Frische und Handwerk zu signalisieren gibt es in immer mehr Restaurants, gerne in der Systemgastronomie, wie früher in der Schule Tafeln. Auf die wird das Angebot so geschrieben, als würde es täglich wechseln, was aber gar nicht stimmt. Niedliche Illustration von Tomaten, Käseecken, Salatblättern und Salz- und Pefferstreuern täuschen frische Zutaten vor, die man in den meisten dieser Küchen aber eher selten sieht.

Wem eine Karte nicht reicht, der sollte mal in „Cafe Extrablatt“ gehen und sich anschauen, wie viele zusätzliche Flyer man in eine Speisekarte packen kann. Die Druckerei freut sich, der Gast ist genervt. Und dieses Design … Passt überhaupt nicht zum Ambiente, was, dass muss ich schon sagen, speziell in den neuen Läden echt einladend ist. „Pindopp Reloaded“ am Altenbekener Damm ist wirklich gelungen. Auch wenn mir jeder waschechte Südstädter, für den das „Pindopp“ so eine Art zweites Wohnzimmer in seinem Stadtteil war, dafür wahrscheinlich den Hals umdreht.

Der 2nd Place vieler anderer Hannoveraner ist seit Generationen das „Café Kröpcke“, seit 40 Jahren nun „Mövenpick“. Ich kenne kein Haus, in dem an jedem Tag gefühlt 3.000 Gäste bewirtet werden und in dem dabei so viel Wert auf Qualität und Frische gelegt wird. Das Mövenpick pflegt außerdem noch die schöne Tradition der Saisonkarte. Jeder Jahreszeit wird pünktlich zum Start ins Quartal eine neue Speisekarte gewidmet. Klar, es gibt Klassiker, aber auch in jedem Jahr neue Impulse mit Produkten ausgesuchter deutscher Erzeuger. Und zwar so beschrieben, dass der Gast weiß, was er bestellt und was danach in der Küche auf den Teller kommt.

Ich erwähne das auch deshalb, weil sich seit Jahren eine Art Speisekarten zu schreiben durchsetzt, die mehr Fragen aufwirft, als eine klare Vorstellung zu vermitteln. Diese Restaurants sind durchweg jung und ambitioniert, ihr Küchenstil meist klar und aromatisch, nur lesen sich deren Karten nicht so. Beispiele? Bitte sehr. Paprika, Deisterspeck, Fenchel, Hibiskus. Anderer Gang: Steinpilz. Zwiebel, Kirsche, Brunnenkresse. Zwei typische Positionen auf der Karte von Tony Hohlfeld im „Jante“. Oder: Fjordforelle, Sauerkraut, Brot. Nächste Position: Spanferkel, Polenta, Tomate. Zwei im Herbst aktuelle Gerichte auf der Karte in Thomas Wohlfelds „Handwerk“. Da wird schon mal für Gesprächsstoff gesorgt. Der vielen Paaren in Restaurants ja oft völlig fehlt. In ihrem Namen sag ich mal: Danke, Tony! Danke, Thomas!

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Handwerk. Goldener Boden.

Ein Beitrag zum Themengebiet Essen., geschrieben am 21. Juni 2017 von Thomas.

Ist Kochen eine Kunst? Oder doch eher ein Handwerk? Reine Geschmackssache, würde ich sagen. 

Es gibt immer wieder Tage im Leben, die verlangen geradezu nach bestimmten Lokalen. Herzschmerz, Abmahnung, Großstadtblues: Wer dazu nicht jeweils einen Eintrag im Adressbuch seines Smartphones hat, hat die Adressen zumindest im Kopf. Und es gibt Läden, die einfach klassisch, geradezu zwingend sind, weil sie sich bedingungslos für die wichtigen Ereignisse des Lebens anbieten: erstes Date, fetter Aktiendeal, überstandene Scheidung. Und dann sind da Restaurants, die so bemerkenswert sind, dass es für sie schon eine besondere Laune und eine explizite Haltung braucht. Ich sage es mal so: Wer sich fühlt, als müsste er mit Sombrero und im Maßanzug barfuß über den Maschsee tanzen, dabei Emma Stone an der einen, einen Schimpansen an der anderen Hand, der unermütlich »Learn to fly« von den Foo Fighters singt, der ist in so einem Moment im Handwerk in der Südstadt goldrichtig. Häh?

Für einen Abend dort empfiehlt sich durchaus gute Laune, ein aufgeschlossener Geist, die Lust, mal auf Konventionen zu pfeifen und die Bereitschaft, eine, zumindest für Hannover, neue Art Restaurant kennenzulernen. Denn: Es gibt zur Zeit kaum einen schöneren Gastraum in Hannover. Hier wurde nicht nur Geschmack, sondern auch Geld investiert. Es gibt keine zweite gastronomische Adresse, die dem Gast eine derart straffe Karte präsentiert. Zwei Vorspeisen, zwei Zwischengerichte, einen (!) Hauptgang, Käse oder Dessert. Das muss einem erst mal passen. Und nirgendwo in der Stadt wird man vom überaus freundlichen Service, angeführt von Ann-Kristin Moser, derartig dokmatisch geduzt. Von Kneipen in Linden vielleicht mal abgesehen.

Aus den sechs angebotenen Gängen wählen wir vier. Der Zander »Ike Jime« schied besonders sanft aus dem Leben und schlummert jetzt auf einem Bett aus Gurkenwürfeln, bewacht von geschmackvollen Sojapilzen. Eine höchst sommerliche Vorspeise und ein klares Signal aus der kreativen Küche. Hier wird anders gedacht! Weiter geht es mit gegrilltem Spargel, der, flankiert von Fichtensprossen und »Erde«, uns eine wirklich neue Seite offenbart. Absolut betörend. Als nächstes verlässt ein Ravioli mit Entenklein die Küche, umspült von einer Sauce aus und mit Erbsen, verfeinert durch etwas Parmesan. Eine köstliche Interpretation eines klassischen Pastagerichts. Zum Abschluß wird eingelegter Rücken vom Rind serviert, dem ein Zwiebelkompott zur Seite gestellt wurde. Gerade zusammen ein geschmacksintensiver Ausklang des Abends. Der wird begleitet von einem roten Bordeaux, eine Cuvee aus Cabernet Sauvignon und Merlot, eine passende Wahl aus der kleinen, aber interessant zusammengestellten Karte. Eine sogenannte »Getränkebegleitung« gibt es auch, in deren Rahmen es durchaus mal Tee oder Saft zum Essen geben kann.

Wer das Handwerk besucht, der betritt also goldenen Boden. Das Restaurant funktioniert dank durchweg hoher Professionalität wie eine Eins. Detailbesessen, freundlich, effizient. Thomas Wohlfelds Küche ist für mich durchaus Kunst. Und die ist ganz nach meinem Geschmack.

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(Dieser Artikel erschien in »Hannover geht aus«, Ausgabe Sommer 2017. Jetzt am Kiosk! Ich fotografiere in den Restaurants grundsätzlich ohne Blitz. Daher die zum Teil maue Ausleuchtung.)

Aus der Abteilung »Da wollte ich immer schon mal hin«.

Ein Beitrag zum Themengebiet Essen., geschrieben am 2. Mai 2017 von Thomas.

La Rock. Frankie Goes To Hollywood.

Ein Beitrag zum Themengebiet Essen., geschrieben am 9. Dezember 2016 von Thomas.

Einer der versiertesten Gastronomen der Stadt hat einen neuen Laden. Für ihn ein langer Weg. Für mich ein echtes Vergnügen. 

Mal im Ernst: Man sollte nur noch Zuhause bleiben. Spontan einfach so ausgehen? Das machte früher mal Spaß, heute macht es nur noch müde. Überall nur Massenware und diese fürchterlichen Systemläden. Da ein weiteres Café Unvernunft, dort eine überflüssige Nudelbutze Allerlei. Runter vom Sofa, rein in die Kneipe? Nee, ab in die eigene Küche oder raus zu Freunden. Da weiß man, was man hat, oder …? Relax, dont`t do it.

Denn in der List gibt es seit September das La Rock, ein Restaurant, das der Modemann Uli Hahn mit dem Lokalmann Frank Ochotta an die Stelle des ehemaligen Azurro gezimmert hat. Ganz schön »rough«, partiell auch edel, irgendwie schon rockig, alles außer gewöhnlich. Ein Laden mit Charakter, wo, das sei schon mal verraten, es garantiert keine Gerichte von der Stange gibt, sondern eine junge Küche, die sich immer wieder neu erfindet. Saisonal, regional, phänomenal.

Hier könnte der Text eigentlich schon enden, der Leser das Heft zuklappen und selber mal hingehen. Wer trotzdem »dran« bleibt, der erfährt von diesen beiden jungen Köchen Annabell Müller (22!) und Phillip Wecke (25!), die etwas wirklich Großes in kurzer Zeit geschaffen haben: Eine Küche mit eigenen Stil, was man in Hannover nur noch sehr selten findet. Allein dieser Aspekt und Frank Ochottas Leidenschaft für guten Service schieben das Restaurant ganz oben auf meine Liste.

Dann lassen wir es also mal »rocken«, wie uns die Speisekarte verspricht. Eine Seite, je Kategorie drei Dinge zum Auswählen, fertig. Um unseren Appetit anzuregen wählen wir »Unser tägliches Brot«, kräftiges Bauernbrot aus der neuen Backstube von Jochen Gaues, üppig belegt mit frischen Tomaten, einer Avocadocreme und allerlei Salaten. Klasse gemacht und ideal zum Teilen, weil man ja noch mehr aus der Karte probieren will. Die Vorspeise lässt dann erahnen, was die Küche wirklich kann. Involtini, lauwarme Fleischröllchen vom Kalb, gefüllt mt einem Mix aus Basilikum und Saffran, abgerundet mit einer Paprikacreme als aromatischen Akzent. Zart, geschmackvoll, harmonisch, eine wundervolle Fortsetzung des ersten Kücheneindrucks. Im Hautgang? Zander! Und zwar Filets mit schmackhaftem Spitzkohl, gebratener Salami, einer Marmelade von schwarzen Oliven und einer Creme aus roten Tomaten. Dazu? Gnocchis! Insgesamt ein komplexes Geschmackserlebnis, das uns staunen lässt.

Dazu empfiehlt der Chef (auch) offene Weine, die man alle bedenkenlos ausprobieren kann. Und zwar von deutschen Winzern, die er gern persönlich kennt und die extra fürs La Rock ein besonderes Cuvée kreiert haben. Hier sind die Preise durchweg fair und die Qualität immer bestechend.

Frank Ochotta ist mit Uli Hahn und dem La Rock also ziemlich weit oben auf dem kulinarischen Olymp gelandet. Und was für Schauspieler bekanntlich Hollywood, ist für Gastronomen der Michelin. Der sollte hier zumindest mal reinschauen. Muss ja nicht – sofort, sogleich – ein Stern dabei rausspringen … Welcome to the pleasuredome!

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(Dieser Artikel erschien in »Hannover geht aus«, Ausgabe Winter 2016. Jetzt am Kiosk! Ich fotografiere in den Restaurants grundsätzlich ohne Blitz. Daher die maue Ausleuchtung.)

Berggasthaus Niedersachsen. Hoch Oliver.

Ein Beitrag zum Themengebiet Essen., geschrieben am 6. Juni 2016 von Thomas.

Auf dem Gehrdener Berg wird seit gut einem halben Jahr neu gekocht. Lohnt sich der Ausflug an den Rand der Region? 

Dinge vor allem deswegen gut zu finden, weil sie von der Mehrheit der Menschen als geschmacklos, doof oder öde angesehen werden, gehört zur traditionellen Haltung der intellektuellen Oberschicht. Das Spektrum reicht da von euphorischem Lob für grauenhafte Songs einer Sängerin aus der Ukraine bis hin zu begeisterter Bekenntnis zu den großartigen Büchern einer Barbara Cartland. Und manchmal kommt in diesem Diskurs eben auch ein Restaurant zur Sprache. Was mir von Leuten schon so alles wärmstens empfohlen wurde, dann aber ein absoluter Reinfall war, würde den Umfang dieses Heftes sprengen.

Und nun also wieder so ein gut gemeinter Tipp. Nach Gehrden müsste ich, ins Berggasthaus Niedersachsen, da kocht seit einem halben Jahr ein Neuer! Familie Jurke, die es über 28 lange Jahre betrieben hatte, hätte sich zur Ruhe gesetzt! Ganz neue Impulse, ehrlich! Okay, der Neue ist ja gar nicht so neu, denn Oliver Gerasch hat zuvor jahrelang im Beckmanns Weinhaus gekocht, dem beliebten Restaurant mit italophiler Note in der Calenberger Neustadt. Also gut, denke ich, und mache, was ich allein wegen der Fahrerei eher selten tue: ich gehe essen in der Region.

Meine Fahrt führt mich vorbei an alten Villen, sehr vorstellig, hinauf auf den Haushügel von Gehrden, den sie hier Berg nennen. Ein traditionelles Gefühl macht sich breit, was auch nach der Ankunft im Berggasthaus nicht verfliegen will. Dafür ist der Service umso frischer. Richtiger Gegenpol, denke ich, und nehme Platz.

Nach den üblichen Speisekartenspielen samt schneller Bestellung meinerseits geht`s los. Und zwar mit dem Amuse Gueule, einer gebratenen Gamba auf Radieschen-Fenchelgemüse und in einer Buttersauce, was in dieser Kombination meinem Gaumen schlagartig wach werden lässt. Sehr ausgewogen. Dann die Vorspeise. Grüner Spargel mit einer Kräutervinaigrette, ebenfalls feinsinnig kombiniert und apart angerichtet. Jetzt bin ich wirklich gespannt, wie es weitergeht. Ausgewählt hatte ich Limonen-Ricotta-Ravioli mit Chicorée. Der Zwischengang ist eine halbe Portion, aber mit der vollen Wucht eines gut gemachten, kreativen Pastagerichtes. Sehr zufrieden lege ich das Besteck beiseite. Beim Hauptgang mal ein Klassiker, denn ich habe Lust auf ein Rinderfilet, und zwar »medium rare«. Die Karte verspicht dazu eine Balsamicoemulsion und grüne Bohnen. Was die Küche dann liefert, könnte perfekter nicht sein. Top Fleischqualität, großartig gebraten und veredelt mit einer geschmacklich runden Sauce zum Niederknien. Unter uns: So gut habe ich bei Oliver Gerasch im Beckmanns nie gegessen …

Und was gab es zu trinken? Wenig, ich muss ja noch fahren. Die Weinkarte ist geprägt von deutschen und italienischen Winzern. Insgesamt eher klein, aber eigentlich ist für jeden etwas dabei. Ein Sauvignon Blanc zur Vorspeise und zum Zwischengericht, ein Barbera zum Rinderfilet, zwei passende Begleiter für einen überraschend guten Abend. Es weht nicht nur ein frischer Wind auf dem Gehrdener Berg, da bahnt sich ein ausgeprägtes Hoch an.

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(Dieser Artikel erschien in »Hannover geht aus«, Ausgabe Sommer 2016. Jetzt am Kiosk! Ich fotografiere in den Restaurants grundsätzlich ohne Blitz. Daher die maue Ausleuchtung.)

Ristorante Francesca. Einfach ist es nie.

Ein Beitrag zum Themengebiet Essen., geschrieben am 17. November 2015 von Thomas.

Nicht überall, wo in Hannover »Ristorante« dransteht, ist auch wirklich eines drin. Ein Besuch bei einem der wenigen, aber echt guten.

Buona notte, Germania! Sie glauben ja gar nicht, wie viele Leute ständig in die Systemgastronomie, diesem kulinarischen Vorhof zur Hölle, rennen, um dann am nächsten Tag ihren Kolleginnen und Kollegen am Kaffeeautomaten im Büro auf dem Gang zu erzählen, wie gut und vor allem authentisch sie gestern wieder essen waren. Diese, sich wie heißer Teer in den Innenstädten ausbreitenden Läden, sind schon länger bei Menschen beliebt, die sich zu fein für schnöden Fastfood, aber zu geizig für richtige Restaurants sind.

Richtige Restaurants sind keine Sättigungsläden, in denen man sich mehr anstellt, als bestellt. Es sind Theater des Genusses und Orte voller Sehnsucht. Wer so ein Restaurant betritt, der lässt den Alltag hinter sich. Folgen sie mir also in ein »echtes« Ristorante, in dem die Pasta immer hausgemacht, die Zutaten wunderbar frisch und die Atmosphäre irgendwie lässig ist. Erst recht, wenn dieses in der Südstadt Hannovers liegt.

Ein paar Schritte vom Aegi entfernt kocht Francesca Rottino einfach grandios auf. Wer dabei auf Experimente in der Küche hofft, der ist bei Francesca jedoch fehl am Platz. Das Einfache, das ja überhaupt nicht einfach ist, schon gar nicht für den Koch, ist nämlich der kulinarische Luxus in diesem Restaurant. Das mögen vor allem ihre Stammgäste aus der Liebrechtstraße, wo sie sich zuvor schon einen guten Ruf erwarb. Fast alle sind ihr 2010 dann in die Krausenstraße gefolgt. Auch ihre Tochter Margherita, die hier wieder den Service »schmeißt«, und zwar charmant und hervorragend.

Ich beginne meinen Abend mit einem Vitello Tonnato, für mich so etwas wie das kulinarische Urmeter der norditalienischen Küche. Wenn das passt, dann kann eigentlich auch sonst nichts schiefgehen. Und es passt. Herrliches, gekochtes, dünn aufgeschnittenes Kalbfleisch, mit einer geschmacksintensiven Thunfischsauce überzogen. Und, wie ich finde, außergewöhnlich liebevoll arrangiert. Kurz: bene! Danach gönne ich mir und meiner Figur, weil serviert mit einer üppigen Salbei-Sahne-Creme, Cannelloni alla Visconti, gefüllt mit einem Mix aus Rinder- und Kalbshackfleisch. Zum Niederknien, um diesen Gang auf zwei Worte zu reduzieren. Danach bin ich eigentlich schon satt. Nicht deswegen, sondern trotzdem: molto bene! Der Hauptgang ist zum Glück federleicht. In Weißwein gedünsteter Steinbutt mit Bohnen und Broccoli. Zerfällt an der Gabel, zergeht im Mund, zaubert mediterranes Flair auf meinen Teller in der Südstadt. Sprichwörtlich, sag ich mal: tutto è bene quel che finisce bene. Es kann also doch vermeintlich »einfach« sein …

All diese Köstlichkeiten begleitet ein schöner Wein von einem meiner Lieblingsproduzenten aus dem Friaul: Jermann. Der 2014er Pinot Grigio kuschelt sich mit seinem robusten Körper besonders harmonisch an die Speisen. Das gefällt mir. Ein Averna kurz vor dem Weg zum Taxi. Bei Francesca war ich im übrigen nicht zum ersten Mal. Und natürlich komme ich bald wieder. Pronto, presto? Ach, was weiß ich.

(Dieser Artikel erschien in »Hannover geht aus«, Ausgabe Winter 2015. Jetzt am Kiosk! Ich fotografiere in den Restaurants grundsätzlich ohne Blitz. Daher die maue Ausleuchtung.)

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Diese Miniserie verschlinge ich gerade mit meinen Augen.

Ein Beitrag zum Themengebiet Essen., geschrieben am 22. Juni 2015 von Thomas.

Der Zauberlehrling. Simsalabim.

Ein Beitrag zum Themengebiet Essen., geschrieben am 12. Juni 2015 von Thomas.

Mal schnell was in der Küche zaubern. Das kann ich nicht. Also muss ich ständig essen gehen. Dann mal los.

Erstaunliche 342 Freunde hat laut einer Studie der durchschnittliche User bei Facebook. Habe ich im übrigen nicht. Stattdessen möchte ich lieber im Jahr so oft essen gehen. Und das war schon immer so. Das ich das zur Zeit nicht schaffe, das liegt an Theo, aber das ist nun wieder ein ganz anderes Thema. Essen ist die soziale Aktivität, die ich am liebsten mag. Am besten auf großer Bühne, also in einem Restaurant, das durch seine Atmosphäre, seinen Service und seine Küche besticht. Also rundum. Davon gibt es in Hannover leider zu wenig. Und neue Läden kommen auf diesem Niveau zu wenige hinzu.

Eine große Außnahme von dieser lokalen Regel ist Der Zauberlehrling. Seit mehr als drei Jahren lüften Roderick von Berlepsch und sein Ensemble in der Südstadt an jedem Tag in ihrem architektonisch reizvollen Theater das Tuch über dem Zylinder und zaubern ihren Gästen eben eine dieser großartigen Bühnen rund ums Essen und Trinken. Für tiefgehende Gespräche und, wer mag, für wundervolle Lästereien. Sein oder nicht sein, das ist hier nur eine der Fragen.

Eine weitere ist, was gibt`s denn eigentlich zu essen? Neue deutsch-niedersächsische (!) Küche mit Produkten aus der Region und deutschen Weinen. Das ist das Konzept. Wir sind mittags da, das geht erst seit Oktober letzten Jahres, und wählen aus der komprimierten Karte Gazpacho (!) mit Knoblauchbrot. Die kalte Tomatensuppe kommt wirklich gut daher, frisch, das Brot ist fein geröstet, dazu eine sehr stimmige und schöne Aioli (!). Im Hauptgang erwärmen wir uns für Gambas (!) auf schwarzem Risotto (!) mit grünem Spargel. In dieser Kombination gut gemacht, alles auf den Punkt zubereitet, besonders (der oder) das Risotto ist köstlich, die Konsistenz überragend, das haben wir lange schon nicht mehr so gut gegessen.

Wer sich zu recht fragt, was gab es denn zu trinken, den wollen wir natürlich nicht enttäuschen. Zu unseren Gängen wählten wir diesmal aus den offenen Weinen aus. Zur Vorspeise einen kräftigen Weissburgunder von Bender von der Mosel. Zum Hauptgang einen Cabernet Sauvignon von Oldenburg aus Südafrika (!). Spaß im Glas, lässig, gut zu den jeweiligen Gängen zu trinken und kein bisschen kompliziert. Man könnte natürlich auch sagen: zauberhaft!

(Dieser Artikel erschien in »Hannover geht aus«, Ausgabe Sommer 2015. Jetzt am Kiosk!)

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Restaurant Basil. Respekt.

Ein Beitrag zum Themengebiet Essen., geschrieben am 25. Mai 2015 von Thomas.

Es gibt Leute, für die ist Zeit Geld. Zu viel Zeit kann aber auch viel Geld kosten. Schön, wenn man sich immer zu beschäftigen weiß. Und beim kleinsten Anflug von Hunger einen Ausflug in ein tolles Restaurant machen kann.

Seit Wochen nur noch Feiertage, ständig fallen Montag und Donnerstag einfach weg, und Pfingsten ist besonders schlimm, kein Mensch ist zu erreichen, alle werfen den Weber an, dösen auf den Wiesen und wenn die Kohle glüht, dann strahlt der Mann. Sortiere aus Langeweile CDs (natürlich wie Rob Gordon, nicht alphabetisch, sondern autobiografisch), googele mich mal wieder selbst (“Thomas Lasser (* 25. Oktober 1969) ist ein ehemaliger deutscher Fußballspieler”, Quelle: Wikipedia) und wundere mich über all den Unsinn, der immer wieder bei Facebook gepostet wird (“Weiß eigentlich jemand von Euch, warum der Wochenmarkt so spärlich geschrumpft ist auf dem Rübezahlplatz?”). Bitte? Jetzt krieg ich auch Hirnsausen [sic!].

Es wird also Zeit mal wieder essen zu gehen. Am besten nicht allein. Ein Restaurant, in dem das hervorragend geht, ist das Basil. Denn Stefan Kobling und sein Team schließen jeden Abend mit Freude den Laden auf und bieten ihren Gästen einen großartigen Rahmen zum Gucken, Sitzen, Plaudern, Essen, Trinken. Und das seit fast 20 Jahren, mit steigender Qualität der Küche und wachsender Begeisterung der Gäste. Allein schon diese Leistung verdient: Respekt!

Das ich so gern ins Basil komme, hat auch mit dem Empfang zu tun. Der ist hier nämlich aufmerksam und herzlich, man fühlt sich willkommen und geht mit dem Service von Anfang an eine Beziehung auf Zeit ein. Solche Leute muss man in der Gastronomie suchen. Und dann halten. Was dem Basil seit Jahren ebenfalls gelingt: Respekt!

Bleibt eigentlich nur noch die Küche zu erwähnen. Und die ist … großartig. In den 90ern noch ganz schön euroasiatisch, heute mittlerweile metropolitan. Anders kann ich Thunfisch auf sautierten Chili-Shitakepilzen und Guacamole oder Piccata vom Kalb mit Kartoffel-Pesto-Blini und Peperoni-Gemüse nicht beschreiben. Dazu gibt es eine Weinkarte, die zu den besten der Stadt gehört und die es schafft, auch ohne die großen Crus, die ohnehin niemand mehr bezahlen will und kann, zu brillieren. Was soll ich sagen? Resp… ist schon klar, oder?

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Bistro Schweizerhof. Schicker Imbiss.

Ein Beitrag zum Themengebiet Essen., geschrieben am 20. November 2014 von Thomas.

Hannovers Genussecke mit Hotelanschluss. Das Bistro im Schweizerhof geht neue Wege. Sollte man folgen?

Da ich ganz genau weiß, dass meine Frau grundsätzlich nichts liest, was ich geschrieben habe, kann es hier mal gedruckt werden: Es gibt niemanden, mit dem ich lieber essen gehe, als mit ihr. Außer mit Taylor Swift natürlich. Ganz schlimm, ich weiß. Seit Jahren habe ich da so eine fürchterlich schmutzige Fantasie. Ein Treffen an einer Hotelbar, Gin Tonic, dann Dinner im Restaurant, den Hauptgang halb ignorieren, nur schnell rauf aufs Zimmer, mit Champagner bewaffnet. Der Rest wäre garantiert nicht jugendfrei.

Eine tolle Kulisse für die leckeren Szenen dieses Softpornos wäre das »neue« Bistro im Hotel »Schweizerhof«. Das Bistro ist natürlich nicht wirklich neu und das Hotel heißt auch nur noch unter alteingesessenen Lokalpatrioten so. Aber seit gut zwei Jahren steht Lars Wolfram in der offenen Showküche und gibt dem aufgefrischten Laden kulinarische Kicks. Unterwegs zu den Tischen ist Matthias Kutschke. Ein Restaurantleiter mit viel Elan und guter Laune, der dem Gast schon weit vor dem »Gruß aus der Küche« mit seiner entspannten Art irgendwie einen guten Abend verspricht.

Der beginnt für mich mit einem Glas vom offenen Sancerre von Jean-Max Roger. Sauber gemacht, was man für den Preis erwarten kann. Es gibt auch noch andere schöne Weine, die glasweise ausgeschenkt werden. Die Karte kommt ganz und gar zeitgemäß daher. Eine kleine Auswahl an Gerichten, die raffiniert zusammengestellt sind. Als Vorspeise wähle ich »Kreativspiel«, eine Variation aus Kleinigkeiten, die die Küche gerade hergibt. Ich bin überrascht von der Kombination, die von Entenbrust bis Reblochon reicht. Jeder Happen ein kleines Gedicht. Äußerst zufrieden und fast satt entscheide ich mich für den Hauptgang. Wolfsbarsch in Safranvanillesauce, bei dem ich die Kartoffeln gegen Risotto tausche. Ich bekomme einen ansehnlichen Gang serviert. Alles ist hervorragend zubereitet, der Fisch kross auf der Haut gebraten, der Geschmack der Beilagen toll aufeinander abgestimmt. Auch das Risotto passt.

Das Bistro ist also wieder ein lässiger Rahmen für einen schnellen Lunch oder ein schmissiges Dinner. Und es soll sich noch weiter entwickeln, sagt Matthias Kutschke. Man hätte »einen Plan«. Ich finde, das klingt wirklich vielversprechend.

(Dieser Artikel erschien in »Hannover geht aus«, Ausgabe Winter 2014. Jetzt am Kiosk!)


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